9. Juni 2016

Kopfwäsche bei Max Höhn

Kopfwäsche bei Max Höhn


Vom Raumkorsett über schwangere Mitarbeiter zur Pflegeinnovation

Im neu renovierten Salon empfängt mich Max Höhn, ich soll unbedingt ein neues spektakuläres Pflegetreatment von Joico kennenlernen, aber mehr noch, wir plaudern über Gott und die Friseurwelt.

Raphaela Kirschnick: Wunderschön ist es bei Dir und so neu, was hat Deine Raumgestaltung beeinflusst?
Max Höhn:
Ich wollte schon immer ein Wohnzimmer mit Loftcharakter. Klare Formen und trotzdem gemütlich.  Gäste sollen sich wohlfühlen, Komfortzone in der es mal nur um mich geht. Also den Gast! Genau so wichtig ist natürlich auch, dass wir uns wohlfühlen. Der Laden ist ja schließlich mein Baby. Mein Risiko mein Kind.
Das Raumkonzept darf den Arbeitsabläufen nicht im Weg stehen. Wenn wir wissen, wo alles seinen Platz hat, dann läuft alles ganz automatisch. So werden die Service Standards zu dem >Korsett, das uns dann den Tag über trägt.
Unordnung bringt mich leicht aus meinem Schneidekonzept, da beuge ich gerne vor.

Dürfen Mitarbeiter denn mitreden?
MH:
Auf alle Fälle! Die Idee der Vorhänge kam vom Team. Nach dem kalten Winter im letzten Jahr regten sie Vorhänge vorm Eingang an. Das habe ich gerne aufgegriffen und einen tollen schweren Wollstoff gefunden der uns jetzt wenn Gäste herein kommen ein bisschen vor der Kälte schützt. Alte Berliner Salonkultur, jedoch puristisch modern, im Heute neu interpretiert, das gefällt mir.

Was meinst Du mit alter Berliner Salonkultur?
MH:  
Den Friseur als Marktplatz einer Gesellschaft. Ich mag mich ganz klar abgrenzen von Ladenstrukturen, wo Menschen sich gestapelt tummeln. Das kann auch toll sein, hat aber nichts mit meiner Seele zu tun. In meinem Laden mag ich Begegnungen fördern oder ein Podium bieten für Künstler, Lesungen und Gesangsabende.

Durch meine Schauspielvergangenheit hab ich da natürlich einen besonderen Bezug. Ich habe auch alles zu trinken da, von Cola bis Gin Tonic, das wir im Übrigen nicht verrechnen. Denn meine Gäste sind meine Gäste.

Ich werde mit JOICO Defy Damage gewaschen, gepflegt, besprüht und mit Dom Perignon verwöhnt (Achtung Schleichwerbung)

Du suchst im Schaufenster Mitarbeiter?
MH: Früher dachte ich immer, wenn man das ins Schaufenster hängt ist das ein Armutszeugnis, weil man es anderes nicht schafft. Im letzten Jahr  habe ich ein Schild designen lassen und versuche mich damit abzufinden. Die Zeiten haben sich geändert, auch ich kämpfe um Leute.

Du bist als erster Friseur in einem Podcast der Wochenzeitung „Die Zeit“ interviewt worden – Gratulation – Wie kam es dazu?
MH: Die neue Freundin von Peter Lohmayer, Leonie Seifert leitet diese Reihe. Er hatte die Idee das sie mich interviewt,  hat uns  vorgestellt und so kam es zu dem Podcast.  (zum ZEIT Podcast)

Wie war die Resonanz?
MH:
Das für mich Wichtigste war, dass ich kurz über meine Oma und unsere Verbindung zueinander geredet habe. Am Tag bevor sie ihre Augen für immer schloss, hatte meine Tante ihr den Podcast noch vorgespielt und sie hat gelacht. So war ich doch irgendwie noch mal bei ihr. Der Podcast kam also genau zur rechten Zeit. Dafür bin ich sehr dankbar.
Ich wurde ziemlich oft auf mein Buch der Astrofriseur angesprochen. Überraschenderweise gab es ziemlich viele positive Reaktionen darauf, dass ich als Kleinunternehmer brisante Themen offen angesprochen habe. Mich haben ziemlich viele Mails erreicht, in denen man mir für meine ehrlichen mutigen Worte dankte. Das ist natürlich toll.

Was für Themen?
MH: Zum Beispiel Schwangerschaft in Läden mit wenigen Mitarbeitern..

Was genau zu Schwangerschaft?
MH:
Mir ist es vor Jahren so ergangen, dass 3 Mitarbeiterinnen zeitgleich schwanger wurden. Da überlegst Du, ob du deinen Salon aufgibst, das kann dir das Genick brechen. Wenn dann eine schwangere Mitarbeiterin sich entscheidet, während ihrer Schwangerschaft nicht ins Beschäftigungsverbot geht, weil ihr die 62% ihres Gehaltes nicht reichen, sie aber die volle Summe will, ohne Abzüge, dann kann sie, so fern sie einen Arzt findet, sich fünf Wochen und vier Tage immer wieder aufs Neue krank schreiben lassen. Um einen drohenden Imageverlust abzuwenden, darfst du das öffentlich dann nicht mal ansprechen. Es gibt meiner Meinung nach eine sehr einseitige Berichterstattungen in solchen Fällen.

Welche Wünsche hast Du zur aktuellen Mitarbeitersituation?
MH:
Ich wünsche mir, dass wir die Schwarzarbeit in den Griff bekommen. Ich finde es furchtbar, dass Menschen denken ihre Arbeitsleistung ist es nicht wert in einem gesunden Maße bezahlt zu werden.

Mitarbeiter haben Vorstellungen von dem, was sie verdienen wollen und was sie für ihre Leistung abrechnen, das passt aber meist nicht zusammen. Da wünsche ich mir mehr Aufklärung. Ergo ist die Folgerung, dann arbeite ich schwarz. Das jedoch ist eine kranke Annahme, denn was damit im Werteverständnis ankommt ist doch, dass meine Arbeit nicht mehr wert ist.

Das klingt sehr emotional!
MH: (
lacht) Weißt Du, da war ich vor Kurzem auf einer Party und zwei Richterinnen erzählen mir stolz, dass sie sich schwarz die Haare schneiden lassen. Da blieb mir dann nichts anderes übrig als die beiden stehen zu lassen. Richter! Echt jetzt! Keine Ahnung wann ich das letzte mal so empört war.

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